Etis Tagebuch: Tagebuch eines ehr und hart reichen mannes.
Mein Geburtstag: 1949, 21.7.
Ich reflektiere das datum. Das jahr ist das gründungsjahr der bundesrepublik deutschland und der volksrepublik china, den phönixen tausendjähriger reiche. Die deutsche fest gegründet auf beton aus soldatenehre, judenseife und gebährfreudigen gebährmüttern.
Eine republik des mindestens fünfzigjährigen friedens und der ach so erhofften einheit.
Drei mal sieben sind einundzwanzig, sieben mal sieben neunundvierzig.
Auf die jahrtausendwende zugehend bin ich jetzt, 1999, neunundvierzig.
Genau zwanzig jahre nach meiner geburt betritt der erste mensch den mond.
Der einundzwanzigste juli, sommersonnenmond und hundstagserwartung.
1949, das jahr vor dem ende der ersten hälfte des zwanzigsten jahrhunderts, der tag im zeichen des krebses.
Ich wurde in einem land der nachkriegsschuld geboren, mit dem stigma der erben eines eineiigen selbstmordführers durch verbrannte erde. Bescheidenheit und minderwertigkeitsgefühle wurden zu erziehungskonzepten.
Die welt fing an, den ersten angstschweiss eines kalten atomkrieges zu frieren und mutter erde tropfen auf tropfen zu vergiften, zu verseuchen, zu ersticken und ihr heiss zu machen.
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Eti
1 Jahr jung

Der kleine Professor. 2 Jahre jung
Mein heimatdorf, obenstrohe. Oben stroh oder über dem strom, was auch immer die bedeutung dieses altdeutschen namens sei. Ein friesisches dorf am fries (auf arabisch ifriz, auf latein friso) der welt, auf einer eiszeitlichen endmoräne, inmitten von eichen, tannen, linden und buchen, über den beiden kleinen flüssen südender- und nordender leeke, die sich in der stadt varel, kurz vor ihrer mündungsstätte in den jadebusen vereinen.
Zehn meter über und sieben kilometer von der grauen nordsee wurde ich in einem dorfschulhaus geboren, in einem seit der steinzeit bewohnten ort, an einer seit jahrtausenden benutzten weggabelung. Es war ein grosses schulhaus mit einem parkähnlichen garten und einem eigenen wäldchen.
In der armen nachkriegszeit waren wir dankbar für äpfel, birnen, pflaumen,quitten, weisse, schwarze und rote him- und stachelbeeren, brombeeren, erdbeeren und heidelbeeren. Papa baute die kartoffeln und spargel mit wahrer kunst und jauche an, die er in seinem aus einer munitionstonne gebauten karren und einer riesenschöpfkelle über das land verteilte. Der komposthaufen fehlte natürlich auch nicht.Schwarzwurzel, spargel, mangold, wurzeln (karotten), rote beete und kohlrabi machten gesunde kinder aus uns, alles aus eigenem garten. Selbst die hühner hatten ihr eigenes reich und vier bis sechs, vom löwenzahn fette kaninchen hausten in ihren vom heu duftenden kaninchenställen. Das gänsepaar war grösser als die beiden tirolerbuben günti und eti und wahrhaft furchterregend durch sein erzürntes geschnatter und die unvermittelten angriffe ihrer orangefarbenen, glänzenden, wie mit unendlich vielen kleinen zähnen bewaffneten entenschnäbeln. Für immer höre ich das beruhigende blöken lemmis, unseres schafes.
Das loch unten in der stalltür für die katzen und oben für das schwalbenpaar, das jährlich sein nest in dem stall, der ein teil des anbaus unseres hauses war, bewohnte. Unterm schwalbennest im stallflur hing die schaukel. Der stall bestand aus einem langen flur von dem man entweder in die küche trat oder in die waschküche, mit einem riesigen, beheizbaren kupferzuber. Die dunkle spinnwebverhangene werkstatt meines vaters, übervoll mit werkzeug und utensilien. Er reparierte dort alles, von schuhen bis zu allen möglichen geräten. Eine grosse, grobe, hölzerne werkbank mit einem enormen schraubstock. Der matte glanz alten eisens. Der geruch des eierkohlenstaubs aus dem verschlag, wo sie gelagert wurden.
Am ende des stallgangs war unser plumpsklo,über der jauchenkuhle. Im winter lausig kalt, im sommer die gefahr einer methangasexplosion, mit opas stumpen gezündet, weisse eule, heimlich von uns in Metjes laden gekauft, heimlich von opa Karl Hebeis auf unserem plumpsklo in stundenlangen sitzungen geraucht. Unser Lokus. ”In diesem orte wohnt ein geist, der jedem manne der hier scheisst, von unten in die eier beisst “
Und dann die treppe zum stallboden, unserem heimlichen reich. In den dachbalken versteckten wir die ersten hochglanzfotos die von unserem grossen bruder, dem seemann Heiko, aus irgendwelchen amerikanischen häfen wie Baltimore oder Houston mitgebracht wurden.
Der vorgarten war im frühling eine reine pracht aus rhododendron, quitten, bauernrosen, pfingstrosen und rosenbüschen, rittersporn, flieder und jasmin.
In den höhlen der vollbelaubten rhododendronbüsche rauchte ich meine ersten zigarren aus den beim trocknen eingerollten rhododendronblättern, die mit irgenwelchem heu gestopft wurden. Über die ersten raucherlebnisse kam ich dabei nicht heraus, es mag wohl an der mischung gelegen haben oder was auch immer dieses kratzen im hals und den berstenden husten tief aus den bronchien verursachte.
Danach torkelte man richtig über den frisch gemähten, von sanftwarmer sonne beschienenen rasen des vorgartens.
ETIS HAUS
Eine hohe alibusterhecke und das wäldchen trennten uns von der umwelt ab.
Vom stall kam man über drei stufen direkt in die küche. Es war eine grosse wohnküche mit einer speisekammer, aus der oma einmal, schaum vorm mund, herauskam. Sie hatte die weinflasche mit einer seifenlauge verwechselt.

ETIS FAMILIE

Ein grosses fenster schaute auf den kleinen innenhof herab, den der stall und das haus bildeten. Von dort aus beobachteten wir die eichhörnchen, wie sie über den first des stalldaches huschten und unter den dachziegeln verschwanden.
Von dort aus beobachtete auch eine rundliche mammi ihre buben, die tirolerbuben günti und eti, wie sie im sandhaufen mit ihren wikingmodellen durch tunnels und über autobahnen fuhren, feuer löschten, waren transportierten oder ameisen zu mitreisenden machten.
Tirolerbuben mit Oma und Opa.

Hannas Soehne
Später zerlegten wir hier unsere ersten motorräder, eine triumpf twin mit starrer hinterachse, ein vorkriegsmodell, eine puch und eine nsu supermax. Doch da waren wir schon vierzehn oder fünfzehn. Vorher spielten wir ritter, mit selbsgemachten, von bruder heiko mit künstlerischen, gespritzten adler- und drachenmotiven verzierten schilden, impressionanten , silberglänzenden holzschwertern. Ich hatte eine gut schiessende armbrust, die hatte mein vater, ebenso wie vieles andere spielzeug, selbst gebastelt. Als cowboys und indianer machten wir die gegend unsicher, mit flitzebogen und speeren bewaffnet, dehnten wir unsere streif- und kriegszüge auf den nahe liegenden timmermannsbusch oder sogar auf den drei oder vier kilometer entfernten mühlenteich aus. Der mühlenteich ist ein kleiner stausee, ein fischzuchtteich im wald, der von der nordender leeke gespeist wird. Im winter fror er zu und war ideal zum schlittschuhlaufen, im sommer gab es einen ruderbootverleih. Bei den was auch immer für welchen zügen kamen wir über die bahnlinie, die die ziegeleien in altjührden mit dem vareler hafen verbindet, über buttersheide zum plaggenkrug, einem ort, wo es einen nassen, dunklen und unheimlichen bunker und ein kinderheim für tbc kranke kinder, das nach dem krieg als altenheim und als italienerheim für die ersten gastarbeiter im wirtschaftswunder diente, einen dorfkrug, den plaggenkrug, der auch ein gemischtwarenladen war, einen stillgelegten militärflugplatz ,eine genossenschaftsmühle und mehrere höfe gab. Auf dem zum segelflugplatz umfunktionierten kriegsgelände zogen sie die schlanken, schwalbengleichen segelflieger mit vws in den himmel oder auch mit doppeldeckern, die manchmal aus übermut einfach so abtrudelten, dass wir erschreckt, mit gekitzelten nerven, zur vermeintlichen absturzstelle stürzten, um immer pilot und flugzeug wohlbehalten am boden vorzufinden.
Als der krieg verloren war, schmissen die soldaten und waffenträger alle ihre handgranaten, maschinengewehre, pistolen, karabiner und munition einfach weg, in die gräben, versteckten sie in den wäldern oder warfen sie in den mühlenteich. Fünfzehn jahre später gelangten die zehnjährigen schulkinder , die um diesen fischteich, der jedes jahr entwässert wurde, spielten, zu einem umfangreichen waffenarsenal.
Halbverrostete handgranaten, gasmasken, bajonette, maschinengewehre mit verrosteten patronengurten und uniformteile machten uns zu minisoldaten, die in ihrem kindersoldatenklub imaginäre wegzölle mit selbstgebastelten bomben aus ungelöschtem kalk forderten.
Ausser, dass unser anführer einmal vom baum fiel und sich einen arm brach, ist uns bei diesen spielen nie etwas ernstes passiert. Wir hatten wohl einen kindersoldatenklubschutzengel.
Doch mein erstes der sprichwörtlichen sieben leben verbrauchte ich sicher als kleiner, elfjähriger knirps, der aufs gymnasium sollte.
Unsere streifzüge führten auch zu einer sandkuhle, wo reiner sand für den bau abgebaut und mit lastwagen abtransportiert wurde. In einem abhang gruben wir eine höhle, wo man drinnen sitzen konnte. Mein anderhalb jahre jüngerer bruder günther und ich sassen, als cowboys verkleidet dort drinnen, als sich in der decke die ersten risse zeigten, worauf günther fluchtartig die höhle verliess. Ich hielt nach alter indianerart mit gekreuzten beinen sitzend aus, bis anderthalb tonnen schweren und dunklen sandes auf mich herabstürzten und mir meine laut um hilfe rufende stimme nur wie ein dumpfes echo klingen liessen. Gefangen in der erdrückenden, alles umschliessenden dunkelheit, mit nichts als meiner eigenen, entfernten stimme und der kleinen lufttasche, die sich zwischen meinen knien erhalten hatte, verlor ich meinen jungen glauben an gott, ich fühlte, dass ich allein sterben würde.
Dora sirzisko, eine spielkameradin, rettete mir das leben. Weil wir die lastwagenfahrer zu oft mit kindlichen scherzen, wie, dass ein reifen geplatzt sei, geärgert hatten, glaubten sie meinem bruder und den anderen nicht, dass dort im sand ein kleiner junge verschüttet war. Erst als dora zu weinen anfing, überzeugten sie sich und fingen an , wie wild zu graben. Ein leichter spatenstich in meinen nacken war mein erster kontakt zur aussenwelt. Zusammengestaucht, mit blutender nase und ohren brachten sie mich halb bewusstlos in der lastwagenkabine, ich den beiden stotternd den weg erklärend, zu meinen erschreckten, aus dem mittegsschlaf gerissenen eltern nach hause. Eine woche verbrachte ich im vareler krankenhaus, bis feststand das bei mir körperlich alles in ordnung war. Ausser dem schrecken und noch jahre andauernden albtrümen war mir nichts passiert.
Im krankenhaus lernte ich die um ihre kindlichen hüften hula hopp reifen schwingende carola in ihrem dünnen nachthemdchen kennen. Sie belebte meine ersten sexualträume. Über einfache berührungsversuche kam es zwar nicht hinaus, doch merkte ich, dass es sexualität und ein anderes geschlecht gab.
Bald danach verliess ich die volksschule, wo mein vater rektor war, verliess den turnverein, wo uns mein vater trainierte, verliess die kindlichen spiele in den wäldern, meine ersten weggefährten, um aufs gymnasium zu gehen, um mich über diese zu erheben.
Von und zur schule jeden tag zehn kilometer auf dem fahrrad. Als zwölfjähriger im winter über vereiste gewölbte klinkerstrassen aus gott weiss welchem jahrhundert, mit ihren schlaglöchern. Der schwache fahrraddynamo, der das licht liefern soll, um den weg zu erkennen, bleibt im schnee und eis kleben. Die wenigen autos kommen den jungen
beinen, die verzweifelt gegen sturmboen, schneeschauer und andere naturerscheinungen und allzu aufdringliche
hundeschnauzen anstrampeln, um pünklich um zwanzig nach acht in der klasse zu erscheinen. Zuerst zwei kilometer klinkerstrasse, dann zwei kilometer tunnelartigen waldweges über die dicht befahrene bundesstrasse 69, die zu kreuzen jedesmal einen wettlauf mit den autos bedeutete, die mit 120 angeschossen kamen, am galgenbaum vorbei, durch nebelschwaden und regenpfützen, und dann noch einen kilometer durch die verschlafene kleinstadt varel um vom grauen, kerkerartigen gymnasium verschluckt zu werden. Nach den für diese gegend norddeutschlands normalen sintflutähnlichen regengüssen sass ich oft den ganzen vormittag durchnässt und frierend in dieser trutzburg verstaubten deutschen wissens, verweifelt versuchend mathematische formeln zu erfassen.
Dann regten sich die studienräte über mein äusseres auf, zu libertin für dieses kleine bürgerkaff fühlte ich mich. Es stank mir, mich von einem studienrat, der auch noch stiekel hiess und im ersten weltkrieg general gewesen war, zum friseur schicken lassen zu müssen um meine schmierige mähne zu kürzen. Die haarlänge ist umgekehrt reziprok zur intelligenz.
Ich las viel und nachts erhellte mir das magische auge meines riesigen blaupunkt röhrenradios den alkoben, den ich neben meinem zimmer im ersten stock unseres alten, fantastischen hauses bewohnte.

Papas erstes Auto, der Mercedes von Dr. Hausmann.
An einem heissen sommernachmittag 63 hatte ich, von den mehr kindlichen doktorspielen mit meiner cousine oder einer etwas älteren nachbarstochter abgesehen, meine erste freundin.
Auf dem gepäckhalter meines fahrrads fuhr ich sie vom allee-hotel, einem tanzkaffee in varel, bis in den mühlenteichwald. Verschwitzt und ungeschickt versuchten wir etwas, das gleichzeitig enttäuschend und aufregend war. Ich erinnere mich noch an ihr weisses tanzkleidchen nach einer waldwiese, einem wie auch immer unerfahrenem erguss und fünfzehn kilometer radfahrt auf einem schmutzigen gepäckträger. Als wir wieder im allee-hotel erschienen hatte das kleidchen ein buntes muster.
In den sommerferien verdiente ich mir als zeitungsausträger das erste geld.
Zuerst kaufte ich mir ein boot, ein gebrauchtes klepperfaltboot, das ich im dangaster binnentief zu wasser liess. Dangast, kurort dangast, mit seinem kurhaus, dem strand, den zeltplätzen, dem hafen am jadebusen, ein magischer anziehungspunkt in meinen jugendjahren, ein künstlerort, wohnsitz der familie Tapken, zufluchtsstätte einiger brücke maler, Franz Ratziwills, Anatols und unzähliger jugendlicher happening artisten.
Da mein faltboot zuviele lecke hatte endete mein wildwassertraum als schlafstätte für die hühner eines dangaster bauern langsam vor sich hin rottend.
Meine zweite anschaffung erwies sich als wesentlich brauchbarer.
Ein zelt für zwei personen und einem in einer oldenburger zeltfabrik nach meinem entwurf geschneiderten überzelt mit aufklappbarem vorzelt. Bei regen sehr praktisch. Der ideale begleiter einer bürgerlichen nomadenjugend.
Jetzt hatte ich mein privatquartier in Dangast und bei den allsommerlichen campingfahrten, die wir mit dem von papa umgebauten vw bus nach holland, in die schweiz, nach östreich und nach frankreich unternahmen.
So lernte ich schon in den sechziger jahren grosse teile europas kennen, in den siebziger jahren bereiste ich bei meinen autostop touren, bis auf spanien und osteuropa, den rest.
Holland, besonders castricum bei zaandam, wurde ein wenig zu meiner zweiten heimat. In den dünen am unendlichen sandstrand fand völkerverständigung statt und in den strandbuden ass ich die ersten pommes frites mit mayonaise, wo es bei uns doch nur bratkartoffeln gab. Viele freunde hatte ich dort. Leo, Anneke, Tineke und meine sommerliebe Annemieke.
Wir fuhren oft nach holland. Meinen eltern gefiel die gemischte, gemütliche runde auf dem campingplatz, der weisse strand, die weichen sanddünen mit ihrem duft nach wilden kräutern und das oft kalte und immer erfrischende meer, die nordsee. In der fantasie sah ich oft meinen bruder heiko, der seemann auf einem grossen schiff war, an der horizontlinie vorbeiziehen.
Heiko, mein grosser bruder, neun jahre älter als ich, erlebte all die schrecken eines weltkriegs als kleinkind. Sein junges leben fühlte wie wilhelmshaven, schlicktown, die im schlick gebaute kriegshafenstadt auf ihren bis zu 50 meter in den boden grammten trägern unter den alliierten bombenteppichen erzitterte und zerbarst. Wie oft flohen sie bei nacht und grauem regen, das warme bett und habe zurücklassend unter dem geheule der alarmsirenen und dem gebrumm der sich nähernden geschwader in die mit angst gefüllten luftschutzbunker, die wenigstens sicher waren. So sicher, das sie bei kriegsende nicht gesprengt werden konnten und noch heute als betonklötze die gegend verschandeln. Grossdeutsche architekturwunder wie die westwallbunker von der normandie bis holland. Wie papa, der nur selten und nur zu kurzbesuchen von der front heim kam, seine gasmaske vergass und der kleine knirps sie fand und nicht glaubte , dass sein vater wieder fort und in den krieg gezogen war. Wie heiko nur knapp einer phosphorbombe entging, die durch drei stockwerke schlug und in seinem bett liegen blieb. Wie mutter mit heiko und der fünf jahre älteren helga nach hessen evakuiert wurden, als die lage in wilhelmshaven immer schlimmer wurde. In überfüllten zügen, bombenangriffen ausgesetzt, über teilweise zerstörte strecken mussten sie mit argusaugen auf ihr wenig hab und gut, das sie mitschleppen konnten, wachen. Wie sie in hessen als evakuierte den schikanen der wohnungseigentümer ausgeliefert waren. Wie sie entbehrungen und absolute ungewissheit aushielten. Als dann die befreier mit schokolade und zigaretten anfingen, die deutschen zu amerikanisieren, wurde der kleine, sechs jahre alte heiko fast von dem jeep überfahren, aus dem ihm und der knapp zwölfjährigen, blonden, hübschen und stelzbeinigen helga schokolade zugeworfen wurde.
Doch wenigstens hatten sie glück, die kleine familie überlebte das tausendjährige reich und seinen fall. Papa kam zwei jahre nach kriegsende und ein jahr vor meiner geburt aus der gefangenschaft in amerika unversehrt, aber mit kaputtem magen zurück. Er war als marineoffizier und einer der löwen von brest relativ gut behandelt worden. Er machte in der gefangenschaft seine prüfung als mittelschullehrer und lernte gut englisch.
Aus der marinestadt wilhelmshaven, schlicktown und windycity, zog das junglehrerpaar wegen des asthmas ihrer tochter aufs land.
In der volksschule von obenstrohe wurde ich geboren, morgens hat meine mutter noch die wäsche aufgehängt, so gegen zwei kam ich dann. Hausgeburt, schnell und problemlos.
Als dann nach fast zwei jahren mein kleiner bruder auf diese welt kam, war die familie vollständig. Auch er wurde zu hause geboren, bei seinem ersten anblick soll ich wohl ganz schön gelacht haben, er war rot wie ein indianer.
Als knirps nahm ich am schulunterricht teil. Ich wohnte in der schule und glaubte ein recht zu haben, in jede klasse einfach hineinspazieren zu können. Fräulein Kästner, eine junge und, wie ich schon in diesem alter wusste, hübsche lehrerin, nahm keinen anstoss an meiner neugier und so war ich, als ich endlich ins erste schuljahr kam, schon ein kleiner spezialist. Sie nannte mich eti. Ich lernte schnell lesen, und schon mit sieben oder acht jahren jagte ich mit trapper geierschnabel und hadschi halef omar durch die steppen und wälder dieser weiten welt.
Und in den wäldern um obenstrohe wuchs ich heran, mit meinem bruder mal als edler ritter, mal als indianerhäuptling oder als räuber, später dann, mit all dem kriegsmaterial, das bei ende des zweiten weltkriegs einfach achtlos in den ersten graben oder in den mühlenteich geworfen wurde, auch schon mal als soldat. Das gespenst der nazis hing über meiner jugend. Da war etwas gewesen. Man wusste nicht einmal was. Schuppen und versteckte lager im wald. Bunker, in deren moderduft jetzt pilze gezüchtet wurden.
Fotos von nazis die in nürnberg an fleischerhaken aufgehängt waren, endlose leichenhaufen, die aus gaskammern ausgeräumt wurden. Visionen von zerstörung, elend, scmerz und tod. Auf diesem trümmerhaufen wuchs ich auf, bildlich gesprochen, denn in wirklichkeit war meine umgebung ein kleines paradies.
Als mein vater schulleiter wurde, bekamen wir ein eigenes haus, mit einem grossen garten und einem kleinen wald. Wir hatten tiere, katzen, hühner, enten, kaninchen und ab und zu einmal ein lämmi, das dann einfach geschlachtet wurde. In der nachkriegszeit wurde oft schwarz geschlachtet. Der schlachter Steuer kam sogar ins gefängnis deswegen, er ruinierte sich und kam auf den suff. Der schlachter, der bäcker und der kaufmann, ein typisches geestdorf, mit drei kneipen, in dem mein vater einer der wichtigen männer war.
Er opferte sich für sein dorf auf. Er gründete den turnverein, oder besser gesagt, er machte ihn lebendig, er setzte sich voll für den sport und für seine schule ein. Seine schüler waren ihm das wichtigste. Uns, meinem anderthalb jahre jüngeren bruder Günther und mir, kam es oft so vor, als ob sie wichtiger als wir waren. Ich habe das turnen immer gehasst, wenn ich vorturnen sollte, war es mir peinlich und dann erst das pferd. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein junger mann darüber springen konnte, schon allein wegen der gefahr, die eier saftig zu prellen.
Meine welt war der wald. Die hohen deutschen eichen waren wie ein stück des himmels. Auf den riesenästen, zehn meter über dem boden, fühlte ich mich sicherer, als beim pferd springen. Baumhütten, verstecke und schleichpfade. In den wäldern, auf den alten bahngleisen, an der leeke war ich zuhause, im winter bauten wir iglus in den meterhohen schneewehen, im frühling schauten wir den eisschollen zu, die langsam zum meer trieben.
Das meer war überall zu spüren, heringe und sprüche von gorch fock- seefahrt tut not.
Heiko als matrose, dann offizier, erst bei der argo dann beim norddeutschen loyd. Er kam auf allen ozeanen herum, betrat alle kontinente.
Friesische fischer, granat, die mein vater literweise auspuhlte, obwohl er sie selbst nicht vertrug.
Der deich, der sich fast unendlich in den horizont erstreckt, ebbe und flut. Schlickrennen und priele. Der westwind, der sich oft als orkan austobte, sturmfluten, deren wellen die küste zerfressen und eisschollen zu meterhohen bergen auftürmten , die bei vollmond dem nordpol glichen.
Bei uns war das meer der jadebusen, bei flut ein riesiges wattenmeer, von der nordsee dem küstenland entrissen, eine graue perle, die in grünem land schimmert, bei ebbe war das meer weg und der schlick und die priele erstreckten sich bis wilhelmshaven, fast kann man die untergegangenen dörfer erahnen, fast das glockenläuten der untergegangenen kirchen spüren. Sie ist trügerisch die nordsee, alle seefahrer, von den normannen zu den vitalienbrüdern, yachten und öltanker, kreuzer und torfschiffe, alle haben ihr tribut gezahlt. Die strömungen treiben die schiffbrüchigen bis nach helgoland, wo früher die wracks geplündert wurden. Störtebecker und Enno Siebets.
Obenstrohe, als kleines dorf, hatte für jungs oder jugendliche nur wenige anreize.
Im alter von 12 gehörte ich zu den wölflingen der pfadfindergruppe, wir machten abenteuer-ausflüge in die umliegenden wälder, hangelten uns auf seilen über einen fluss oder bauten biwaks und machten schnitzeljagden. Allzeit bereit.
Dann später kam pastor Jürgens, ein junger und aufgechlossener hirte, der mich mit seiner jugendgruppe mindestens bis ich 15 war, in der kirche hielt, dann trat ich allerdings aus. Irgegnwie hatte ich bei meiner verschüttung meinen glauben an gott verloren. Eigentlich unlogisch, hätte ich doch meine wunderbare errettung doch ihm zuschreiben können. Doch ich tat es nicht, ich hatte mich zu einsam gefühlt.
Mit dieser jugendgruppe unternahmen wir eine reise nach finnland. Zuerst mit der fähre nach schweden, dann in zweitägiger bahnfahrt durch die endlosen schwedischen wälder bis in den hohen norden nach lappland.
Wir reisten mit einigen schweden, die ihren in den unendlichen waeldern selbstgebrannten heimlich aus der umhängetasche tranken.
Am fluss Tornio, dem grenzfluss zwischen sSchweden und Finnland, sahen wir die riesigen flösse aus baumstämmen, die, wie in amerika, bis ins meer geflösst wurden. In einer hölzernen jugendherberge, in deren toilettenhäuschen riesige fenster mit flussblick und mindestens sechs plumpskloöffnungen waren, erlebte ich die mitternachtssonne und hatte auch die erste der drei geliebten in diesem fantastischen jugendsommer im hohen norden. Ich erinnere mich nur noch schwach Maria Lena eine dunkle, fast asiatische schönheit. Später schrieben wir uns noch einige male, doch sahen wir uns nie wieder.
Während der zweiten station unserer reise, mitten im seengebiet finlands, in einer ebenfalls hölzernen jugenherberge, sass ich das erste mal nackt und schwitzend in der sauna und lernte Seija kennen, ein eher schüchternes blondes mädchen schwedischer herkunft.
Seija
Wir wurden gute freunde, obwohl ich sie wohl sexuell zu sehr bedrängte. Doch machte ich mit ihr eine romantische erfahrung der jugendliebe, wir waren ein hübsches paar, verspielt und unschuldig. Seija kam während der nächsten zwei sommer nach deutschland in mein elternhaus. Sie lernte meine heimat und meinen alkoben kennen, wo wir oft die ganze nacht miteinander verbrachten, ohne, dass meine eltern es merken wollten.
Die dritte sommergespielin war Mimi, schon auf der rückfahrt von helsinki, auf der fähre.Diese fähre, mit skandinavischem büffet und mehr betrunkenen, als ich jeh auf einem haufen gesehen habe. Ein lächeln, ein drink und schon versteckten wir uns unter der plane eines rettungsbootes. Mimi machte sachen mit mir, von denen ich bei Seija nur geträumt hatte. Es war das erwecken einer sexualität, deren rausch der befriedigung mich in eine andere welt versetzte. Mimi beherrschte lange meine fantasiewelt, obwohl es ausser einigen verliebten briefen danach kein wiedersehen gab.
Im nächsten sommer bekam ich während der sommerferien einen job als schiffsjunge auf einem massengutfrachter,der ms delfina.

MS Delphina
Während Seija in obenstrohe war und dann mit günter und meinen eltern eine campingfahrt nach mimizan plage in südfrankreich machte, war MS Delfina im hafen von Rotterdam mein ziel, das ich nach einer nicht enden wollenden irrfahrt mit dem taxi durch den unendlichen hafen tatsächlich erreichte. Ein riesiger grauer rumpf der mit förderbändern beladen wurde. Nachdem ich an bord eingewiesen wurde, bekam ich eine eigene kajüte. Welch ein luxus. Die schaumgummimatraze hatte ein loch, genau an der richtigen stelle, wohl von einem frustierten gebohrt. Bald fühlte ich mich auf diesem riesigen massengutfrachter, der je nachdem erz oder getreide durch die gegend schiffte, heimisch. Neapel und Monrovia in Liberia waren unsere ziele. Wir hatten auch ein schwimmbad an bord, das die gewöhnliche mannschaft allerdings erst benutzen durften, bis die herren passagiere seiner überdrüssig geworden waren. Die herren passagiere war hauptsächlich die familie Wick, ehemals Fick. Herr Wick war sektvertreter und muss wohl soviel sekt verkauft haben, das mann und frau und die beiden söhne zu dieser “kreuzfahrt” eingeladen worden waren.
Der ältere der beiden söhne, carl friederich wick, freundete mit uns drei schiffsjungen, die wir waren, kam zu uns in die jeweiligen kajüten, um zu reden und whisky zu trinken. Allerdings merkten wir bald, dass er auch uneingeladen kam, auch, wenn wir schwer am schuften waren, rostklopfen, bürsten, mit menninge oder farbe malen, die schweren luken auf- und zuschrauben, die bilgengänge reinigen. Dann kam er alleine und trank unseren whisky und rauchte unsere zigaretten und machte es sich in unseren kajüten gemütlich. Er fragte nicht um erlaubnis, bis wir dessen überdrüssig wurden. Eines abends hielten wir ihn fest und tränkten ihm soviel whisky ein, dass er sternhagelvoll war. Dann schnitten wir ihm die haare. So kurz,dass es fast eine glatze war. Nur in der mitte liessen wir ein haarbüschel in form eines kreuzes. Später setzten wir ihn dann vor der kajütentür seiner eltern ab. Am nächsten tag war musterung. Der kapitän wollte wissen, wer es war, der gewagt hatte, einen der passagiere, seiner gäste, zu verstümmeln. Der junge ,mit einer grossen schirmmütze auf dem kahlen kopf- das kreuz hatte man inzwischen rasiert- wusste nicht mehr, wer der übeltäter gewesen war und wir hielten dicht, wie pech und schwefel. So gab es keine bestrafung, nur einen generellen anschiss.
Unsere grosse fahrt ging durch die Biskaya, wo ich die untersten bilgengänge säubern musste. Diese gänge befanden sich unter dem ganzen schiff. Zuerst musste ich in die leeren ladeluken, etwa von der grösse einer kathedrale, hinunter und dannin den nicht einmal mannshohen, 250 meter langen tunnel. Obwohl dieser tunnel schwachbeleuchtet war, konnte ich das ende nicht einmal erahnen, so bog sich der boden des schiffes bei dem rauhen seegang. Ich, mit meiner platzangst, die noch von der verschüttung stammte, musste dort im trüben, öligen wasser lumpen, dreck und lange vergessenes werkzeug fischen. Doch ich wurde nicht seekrank, ein gutes zeichen. Auch später nicht, als ich den Farbenraum säubern musste, wo verschiedene farbeimer ausgekippt waren. Bei hohem seegang in einem geschlossenen, fast sauerstoffleeren raum nicht seekrank zu werden, das war schon was.
Es ging weiter an der portugiesischen küste entlang,durch die meerenge von Gibraltar bis Neapel. 36 stunden arbeiteten wir ununterbrochen, vor dem anlegen mussten wir alle neun ladeluken öffnen. Das ging nicht maschinell. Die tonnenschweren lukendeckel mussten bolzen für bolzen losgeschraubt werden, dann hoben wir sie mit “wagenhebern” an, zogen sie mit einer winsch nach hinten und sicherten sie. Knochenarbeit. Und das alles, um dann festzustellen, dass ein förderband gerissen war und wir nicht beladen werden konnten, bis der schaden behoben war.
Der zoll kam an bord. Sie durchsuchten das ganze schiff,fanden aber keine schmuggelware. Nach der inspektion kam einer der zöllner zurueck, um privat zigaretten zu erwerben, klar zu günstigen preisen. Ich erlebte meine erste praktische einsicht in die bedeutung des wortes korruption.
Napolis und Pompeji. Der kapitän gab uns schiffsjungen frei, damit wir auch etwas von der reise hatten. Und das hatten wir. Wir machten einen ausflug in die vom Vesuv verschüttete stadt, in der vor 2000jahren tausende innerhalb weniger minuten starben, erstickt und von der lava eingeschlossen. Als wir drei jugendliche zum fotografieren auf eine mauer stiegen, und diese dabei fast einfiel, mussten wir vor den entrüsteten wärtern fliehen. In Neapel sahen wir zehnjährige kinder nachts um eins im schlafanzug hinten an der strassenbahn hängen, um umsonst mitzufahren. Das nachtleben in Neapel war schon interessanter, als die vareler wälder.
Nie werde ich den romantischen vollmond über Capri vergessen, als wir Neapel nach drei tagen mit kurs auf Liberia verliessen. Auf dem kurs, noch im mittelmeer, bei dichtem nebel, fuhren wir ganz nahe an einer jacht vorbei, von der die leute uns zuwinkten. Ich glaube, hilfesuchend. Doch unser riesendampfer fuhr unbeirrt weiter. Mir wurde bewusst, wie gross das mittelmeer ist. Wieder durch die meerenge von gibraltar, an den Kanarischen Inseln vorbei, die lichter von Dakar im Senegal, die endlose grüne küste bis nach Monrovia.
Von weitem sah es ja ganz schön aus. Doch aus der nähe waren all die farben nur verrostete blechhütten. Und wieder hatten wir glück. Als wir im dichten regen im kleinen hafen manövrierten und plötzlich all die neger in ihrem bunten regenzeug, die sich auf der pier befanden, zu rennen anfingen, war es klar, dass wir die pier (aus holz) rammen würden.
Und das taten wir dann auch. Was uns wiederum einigefreie tage und gelegenheit gab, dieses exotische land etwas kennenzulernen. Schwarzafrika. Noch sehe ich den riesigen präsidentenpalast und die müllkippe direkt dahinter.
Die wellblechbuden waren kleiner, als die davor parkenden autos, die, im gegebenen fall sofort zu taxis wurden. Riesige amerikanische schlitten. Das mehrstöckige hospital hatte kein einziges heiles fenster. Ein erzkipper nahm mich beim autostop in den urwald mit. Die leute stiegen aus der kabine aus und setzten sich hinten auf den kipper, damit ich, der gast, ja genug platz hatte. So waren die leute, gastfreundlich und offen. Von weissenhass war damals nichts zu spüren. Ganz im gegenteil, überall wollte man mich kennenlernen. Auch wenn die bars nur geflochtene wände und einen gestampften boden hatten, waren sie interessanter, als jede bar in europa. Und erst die frauen. Ich lernte ein wunderhübsches mädchen mit mandelaugen, langem schwarzen haar und den üppigen formen der negerinnen kennen. Der vater war Inder und die mutter negerin, wie ich feststellte, als ich in der hütte zum abendessen eingeladen wurde.
Ihre geschwister hatten ihre wahre freude daran, das wesen vom anderen stern mit fragen zu bombadieren. Immer wieder fassten sie mich an, als ob sie nicht glauben konnten, was sie sahen.
An bord hatten wir eine fete, der koch heiratete eine einheimische aus Monrovia. Er war zwar schon in Kanada verheiratet, doch das machte wohl nichts. Da die Delfina immer zwischen Kanada, Rotterdam und Monrovia hin und her schipperte hatte er an beiden endpunkten ein heim. In Monrovia zweifellos ein grosses heim mit viel verwandtschaft, jedenfalls der menge nach, die unser schiff bei der fete füllte.
Die versicherungsingenieure aus Deutschland kamen, stellten fest, dass wir eine riesenbeule am bug hatten, aber trotzdem nach Rotterdam zurückkonnten.
Wir nahmen unseren kurs auf, an dem halbversunkenen wrack im hafen vorbei, durch die enge einfahrt. Auf der höhe der kanaren fischten wir mit starken scheinwerfern fliegende fische. Es ist unglaublich, mit welcher geschwindigkeit sie aus dem meer schiessen, ihre kleinen flügel entfalten, um dann auf deck liegen zu bleiben.
Bei sonnenuntergang am heck, wenn der portugiesische bootsmann da Silva “quanta la mera” sang, war die seefahrt sogar romantisch.

Bootsmann Da Silva und ein Matrose.


Die Schiffsjungen in Pompeji.
Zurück in Rotterdam, schon im taxi zum bahnhof, sah ich das schiff meines bruders heiko, der beim Norddeutschen Lloyd offizier war, liegen. Ich hielt an und fragte bei der wache nach Heiko, und er war tatsächlich an bord. Grade mit seiner frau bei der siesta. Erst unglauben, dann überraschung. So kam ich schiffsjunge doch noch in die ofiziersmesse, und ausserdem in jeans in die piekfeine der elite reederei.
Dann zurück nach Varel, ueber amsterdam, die stadt der grachten und roten schaufenster. Fuer mich siebzehnjaehrigen war das schon eine verlockung, so herrliche braune koerper. Doch nach dem eimer voller voller ueberzieher verging mir die lust auf huren fuers wohl ganze leben., in die trutzburg. Ich hatte ein turbulentes schuljahr vor mir. Ich wurde schulsprecher, trat dann zurück, mein englischlehrer sägte mich ab, in übereinstimmung mit dem direktor,der sich einmal bei mir, als ich schulsprecher war, ausweinte, sozusagen. Nachher schämte er sich. Und in übereinstimmung mit dem deutschlehrer, der es auf mich abgesehen hatte, weil ich meine banknachbarin, eine halbjüdin, vor ihm verteidigte.Ich blieb sitzen. Zum zweiten mal,innerhalb der kurzschuljahre. Ich suchte eine andere Schule und fand sie dann, nach mühsamer suche, in Westerstede.
Zuerst, als ich mich alleine beim direktor vorstellte, um um einen platz in seiner schule zu bitten, sagte mir herr schulz-streek, ehemaliger ss general und ostfrontdecker, dass ich wohl bei ihnen keine chancen habe, wenn ich es in Varel nicht schaffe. Also nein.
Dann kam ich noch einmal wieder, mit meinem vater und von pastor juergens empfohlen.
Selbstverstaendlich und gerne und herzlich willkommen auf seiner schule.

Hippies oder wie man damals sagte : Gammler, vor dem Vareler Amtsgericht

Eti
auf der Rennweide
Gerd Bäker in Dangast.

Eti in der Badewanne.
Doch bevor ich auf dem neuen gymnasium anfing machte ich eine reise, alleine, mit dem daumen durch skandinavien, malmoe, gotenburg, oslo. Dort kannte ich eine rothaarige, Valburg , mit der ich viele naechte auf dem sofa im wohnzimmer hinter dem bahndamm in Varel verbracht hatte, bis das fernsehprogramm zuende war und wir mit unserem petting..
Oslo. ....Schweden, Ulrike Hink, Hans Hacker und zurück im 2CV mit Gerd Bäker und Ulrike. Mehr schaffte die ente nicht, Hans blieb zurück. Ich hatte die ersten Drogenfahrungen in Oslo, in der alten, vom bahndamm abgeschnitten ziegelei, wo alle, die kein heim hatten, zusammenkamen. Sie rauchten opium. Als ich es auch probierte, verwandelte ich mich in eine kerze, die in goldenem licht zerfloss. Später erbrach ich mich, ohne ergebnis, dann ging ich in Nirvana auf. Später in schweden legte ich hans, der mich in stockholm am hauptbahnhof aufspürte, mit einer haschpfeife ohne hasch herein. Er kam voll auf den trip. Was die einbildung bewirken kann. Mein verhältnis mit sexbombe Ulrike endete nach der rückfahrt gleich bei der ankunft in deutschland, in dangast, in einem strassengraben.

Ulrike
Zurück zur schule. Aufs neue gymnasium nach westerstede.
Zuerst fuhr ich jeden tag 50 kilometer durchs moor, mit meinem goggomobil coupé, ueber die holperige moorstrasse, dann, als der goggo seinen 250cm3 geist aufgab, mieteten mir meine eltern ein zimmer bei frau pricker, einer netten frau, die kurz zuvor witwe geworden war und daher froh, dass noch jemand in dem einfamilienhaus war. Eigentlich hatte ich dort sturmfreie bude. Mittags war ich dann im ammerlaender hof verkoestigt, bei frau Henny Fiedler, der mutter meines klassenkameraden und bald besten freundes Oeli.
Auf dem flachdach des kleinen hotels bauten wir eine musikanlage auf und liessen bei umma gumma pink floyd die apollos 13 steigen, so nannten wir die riesigen joints, die Oeli als spezialist baute und fuehlen uns ueber das einfache volk in der strasse erhaben.
Die jahre bis zum abitur verliefen in dem provinznest ohne probleme und unbeschwert. Einmal machte ich eine autostopreise mit juergen homann nach england und irland. Belfast war voll im buergerkrieg und eine polizeistreife brachte uns zu dem haus unseres bekannten, den wir besuchen wollten. Er wohnte so richtig auf dem land, neben einem schloss, dessen waerter sein vater war.
In londons hydepark erlebten wir das brian jones gedaechtniskonzert der stones. Alexis corner ist der name, der mir wegen der guten musik, saxophon, noch in erinnerung ist.
Es war ein riesiger menschenauflauf, die leute fielen wie die trauben von den ueberfuellten baeumen und die hell¨s angels machten die ordner. Beeindruckend, wie die verrueckte menge auf sie hoerte.
Am naechsten morgen glich der park einem schlachtfeld.
Im naechsten sommer, es wird wohl der letzte in westerstede gewesen sein, machten doerte und ich eine autostopreise nach suedfrankreich. Eine verrueckte reise, schon an der hollaendischen grenze schickten sie uns zurueck. Doerte war erst 15 und brauchte die erlaubnis ihrer eltern. Zuerst sind wir wieder zu mir nach hause, zur ueberraschung meiner eltern, um die beste strategie zur erlangung der erlaubnis zu ersinnen. Wir mussten zu ihrer mutter, wenn der vater nicht dort war. Das taten wir dann auch, bekamen den vorbereiteten zettel mit der muetterlichen erlaubnis nach tausend ueberredungskuensten zurueck und machten uns wieder auf den weg. Bis in die pyrineen. Dort auf einer sonnigen bergwiese ging mir die wunderschoene doerte auf den keks. Sie wollte unbedingt kekse kaufen. Die gab es aber auf der bergwiese nicht, und anstatt in das dorf zu gehen und welche zukaufen, beschloss ich sie in deutschland bei ihrer mutter abzuliefern. Sie war noch zu jung fuer ein abenteuer mit dem wilden etimann. Zwei verueckte deutsche mariner in ihren uniformen fuhren von toulouse ueber genf nach flensburg, in 24 stunden mit voellig glatten reifen. Ich betete, dass wir nicht ins schleudern kamen. Die gebete halfen wohl. Als sie uns voellig kaputt in oldenburg (sie haben diesen umweg uns zu gefallen getan), sagten sie zu mir: wir hatten eigentlich vor, dir eins ueber den kopf zu geben, dich aus dem wagen zu schmeissen und die kleine zu vernaschen.
Noch mal glueck gehabt dachte ich, als ich die weinende doerte bei ihrer mutter ablieferte. Den bloeden zettel haben wir die ganze reise lang nicht gebraucht.
Dann kam das abitur, das ich mit drei als durchschnitt machte. Das war nicht besonders gut, aber da ich ja journalist werden und germanistik studieren wollte, war das nicht zu wichtig.
Dann kam die bundeswehr. Wenn ich etwas hasste, war es, soldat zu spielen. Nach zwei weltkriegen hatten die deutschen immer noch nicht genug.
Ich wurde freiwilliger fuer zwei jahre, aus achtung zu meinem vater, der herzkrank war. Wenn ich den wehrdienst verweigert haette, waere mein vater vielleicht aus aerger ueber mich gestorben. Das haette mich bis ans lebensende verfolgt. Dann lieber 2 jahre, da verdiente ich geld um etwas anstaendiger leben zu koennen., die gehen vorbei und dann kann ich unbelastet studieren. Das tat ich dann auch.
Um bei der marine, die ich den spatenpaulis schon allein wegen meiner zeit als schiffsjunge auf der ms delfina vorzog, nicht verrueckt zu werden, fing ich an, tagebuch zu fuehren.
Das moechte ich jetzt folgen lassen:
ETIS TAGEBUCH 1

1970
Herbst Oktober
1.
Der erste tag in unfreiheit begann morgens um halb neun. Ein gutes fruehstuck (im elternhaus), letztes krampacken und ermahnungen, ratschlaege, tips. Danach bin ich in die stadt Varel zum bahnhof gebracht worden und habe enno abgeholt.
Enno, ein sympathischer junge aus meiner alten penne in varel, den ich bisher kaum beachtet hatte.
Um zehn nach elf ging der zug in richtung kompagnie-zack zack hurra-
Irgendwo lernten wir thomas aus oldenburg kennen. Er sagte, er liest twen . Naja, in der endstation mussten wir eine halbe stunde auf einen olivgruenen bus warten, der uns in den kurort an der ostsee mit dem verheissungsvollen namen „gluecksburg“ bringen soll. NICHT RAUCHEN toente ein weissbemuetzter in uniform und alle entzuendeten zigaretten flitzten in die aschenbecher. Ankunft in kasernen aus fuehrers zeiten. Alle wurden in irgendwelche listen eingetragen und die zimmer wurden zugeteilt. Thomas belegt das bett ueber mir, acht mann füllen den raum. Zu essen gibts nichts mehr, nach 18 uhr. Trotzdem werfen wir einige neugierige blicke in die verräucherte kantine, wo uns eine angenehme mitteilung üeberrascht: alte hasen bezeichnen diese schule als marinesanatorium. Später räumeten thomas und ich unsere betten um und machten somit die kammer bewohnbar, Nach einem hervorragenden, heissen duschbad platzte die bombe: die stubenfreunde sind shitnasen. Guter joint und der schlaf ist dein freund. Scheint ja doch alles gut zu werden.
2.
„Wenn alle soldaten in deutschland so ausgebildet würden, wie hier, gäbe es keine wehrdienstverweigerer mehr.“
Mit dieser Bemerkung und einigen brauchbaren hinweisen auf haschkneipen und puffs in der näheren umgebung entliess uns der leutnant zur see gust aus dem ersten soldatentag, der um 5:45uhr begonnen hatte und mit untersuchungen und klamottenverteilen einigermassen ausgefüllt war. Olivzeug, kampfanzug, gasmasken und helme verleiteten sofort zu verkleidungsspielen und ersten soldatseingefuehlen. Das gerücht, es gäbe heute knarren erwies sich leider als falsch, es wäre zu phantastischen indianer- und soldatenspielen in der kammer 225 gekommen. Von drill und militarismus war noch nicht viel zu spüren. Inerhalb von drei monaten werden wir 15 stunden soldat sein, ansonsten ist dies eine schule, wenn man den worten des oben erwähnten Ltz.S. glauben darf. Etwas schiessen werden wir wohl auch, aber das soll ja spass machen.
Der abend war dann voll ausgefüllt mit einem besuch in der himbeerranch der flensburger teenypoppies und danach einer langen dusche und lektüre.
Matrose schwerdtfeger erweist sich sypathischer, als ich gestern dachte.
3.
Alles scheisse, ich habe keine lust mehr. Das leben hier scheint ja nicht schlecht zu sein. Aber man ist soldat. Ein kurzgeschorener, glubschäugiger bestandtteil der saufenden, gröhlenden blauen jungs. Wohin man in flensburg auch geht, überall soldaten.
Der dienst, der den ganzen vormittsg dauerte, bestand aus antreten zum essen und suchappellen nach dem matrosen kneipp, der wohl verschwunden ist. Befehl vom kompaniechef: bis montag waren alle beim frisör. Ich habe mich selbst als solcher betätigt und auch meine glatze durch solch einen amateur noch verkürzen lassen. Am nachmittag haben thomas und ich uns im vornehmsten lokal von flensburg in die kellnerin verliebt.... der unteroffizier vom dienst unterbricht hier das tagebuch: licht aus!
4.
Heute frei, ich war in flensburg, ich habe viel mit thomas diskutiert, keine lust zum schreiben, ich möchte nur schlafen.
5.
Ein trostloser tag heute, tausend appelle, ewiges warten,endloses schlangestehen. Man gab uns uniformen und prompt war auf unserer stube der teufel los.Verkleidungen, eitelkeit männlicher matrosenmannequins in feldoliv, meerblau und dem weiss möglichst leerer hirne. Anschliessend durchkonstruiertes verstauen des rüst- und notzeuges zukünftiger vaterlandsverteidiger. Alles exakt verblödend gepackt. Oh ordnung, du grundstein der pedanterie. Bald wirst du sitzen, im schlaf, im traum und in der freizeit und das zwei jahre lang. Trostlos? Ein zahnrad kann nicht fühlen, weshalb sollte man es einem soldaten zugestehen?
Sogar der leseraum war abgeschlossen, dafür der mülleimer sauber. Gleich werde ich schlafen und möchte schon jetzt aus dem bett zucken, geweckt vom ekelhaften trillern der bootsmannsmaatenpfeife. Rise, rise, aufsteeeehn.Auch aale zucken noch lange in der pfanne, wenn man sie brät.
Das thema einer gestrigen diskussion mit thomas war liebe. Freundschaft als teilweises eingehen auf den geist des anderen, platonische liebe als totales eingehen und die liebe als totales eingehen auf geist und körper des anderen.
Gern würde ich ein gedicht schreiben oder am nächsten wochenende nach hause dürfen. Heimweh nach der freiheit. Könnte ich doch zwei jahre im tiefkühlschlaf verbringen!
Beim apell heute fiel ein junge um, zuckend in epileptischen krämpfen, der speichel rann ihm aus dem mund. Beinahe hätte ich geweint- warum hab ich es eigentlich nicht? Und ich soll soldat sein? Er lag mit verzerrtem gesicht und verkrampftem körper in einer pfütze. Er tat mir unendlich leid. Meine kameraden rissen sofort blöde witze darüber.
6.
Die lage wird immer beschissener. Stubenreinigung, spindeinräumen, uniformzwang in der kaserne. Der unteroffizier vom dienst freut sich schon für mich auf die gaskammer. Extra für mich will er ein spezialgemisch fabrizieren. Meine gasmaske wird ja nicht schliessen. Der bart, ha, ha. Meine haare, schon jetzt glatzenähnlich, sollen noch kürzer, ha, ha. Ich will hier weg. Fliehen und wenn es auch nur flucht in den schlaf ist. Es lebe das rauschgift, hier sind die menschen dienstsüchtig.
Abends war ich noch eine halbe stunde im country club, war aber nichts.
7.
Heute bin ich nicht gewillt, tagebuch zu schreiben. Zu müde.
Abends lange diskussionen mit t. Im country club, morgens formaldienst. Exerzieren, gleichschritt marsch. Ach wie schön das klingt.
8.
Der tag begann mit exerzieren im frühnebel, gespenstisch. Dann gasmasken gegen nervengas und parasiten. Nervengas kann bewirken, dass untergebene (matrosen?) ihre vorgesetzten erschiessen. In sieben sekunden muss die maske sitzen. Im falle eines atomkrieges wäre ich schon lange tot gewesen, ich schaffte es nicht. Die anderen wären auch krepiert, denn dann nützen auch keine gasmasken. Später lernen wir dann, dass das ziel hat verschwinden lassen, wenn man einem mann in den bauch schiesst, aber nur den kopf trifft. Trifft man aber seine genitalien, hat man das ziel aufsitzen lassen. Fachausdrücke. Schiesslehre, nur brav schiessen, hauptsache es gibt ein loch. Die fahne ist auch zu grüssen, wie uns leutnant babyface argow mitteilt, ist sie ein symbol für unseren dienstherren. Frage: sind wir knechte in der urschweiz und grüssen den hut des landvogts? Nein, deutsche staatsbürger in uniform. Die nationalhymne verlangt natürlich auch grundstellung- den arsch solange zusammenkneifen bis ein fünfmarkstück seine prägung verliert. Hand zum gruss an die stirn. Tuch und töne machen uns strammstehen. Menschen sind grund zum löcher rein machen, aber, aber nur, wenn sie bei anderen tüchern und tönen strammstehen.
Eigentlich darf ich das ja gar nicht schreiben, bald werde ich ja wohl geheimnisträger und fremde mächte könnten das lesen und mich damit erpressen, die geheimnisse zu verraten. Gleich sind wir gezwungen schleichwerbung anzuhören. Reklame für postsparbücher, nach feierabend, auch für girokonteninhaber. Lange haare sind unhygienisch tönt babyface und morgen gehen aber alle. Individueller marinehaarschnitt für dreimarkzwanzig. Es lebe die freiheit, nieder mit dem kz bundeswehr.
Fragt man nach dem warum einer sache, bekommt man zu hören: weil es in der dienstordnung steht. So wird der verantwortungsbewusste, moderne soldat mit eigener meinung erzogen. Und dann wundern sich die leutnants, dass soviele soldaten, sie eingeschlossen, saufen. Frage des tages: Hat westdeutschlands freie verfassung die bundeswehr wirklich nötig, um weiterbestehen zu können? Wohl denn, ich warte auf post.
9.
Heute war ich so fürchterlich bekifft, dass der albtraum in mir zu stark wurde. Meine nerven spielten einfach nicht mehr mit, ich bekam einen angstkoller, schreckliche platzangst in der kaserne. Meine einzige hoffnung war das bett, in dem ich mich dann entspannen konnte und herrlich schlief.
10.
Gestern waren wir eine kleine reisegruppe nach dänemark, die berühmten pornos kaufen und kaffeetrinken. Danach wurde uns im kino das lied vom tod gespielt. Es war für mich das zweite mal und noch besser, als beim ersten.
11.
Es ist sonntagnachmittag. Ruhig und beschaulich fing der tag an. Lesen, ein bisschen auf der gitarre klimpern und jetzt ein bisschen schreiben. Was soll ich mir schreiben?
Schwer aber immerhin gewöhne ich mich an zwang und ordnung. Es scheint der teil meines lebens zu sein, der langsam und giftig mein blut verseucht. Doch ins gehirn ist es noch nicht so richtig gedrungen. Manchmal scheint es mir, als könnte ich alles mit einer handbewegung fortwischen. Aus und vorbei, aufwachen und sich über die sonne freuen.-
Gestern bin ich umgelegt worden, meine neue stube ist viel stiller, ich habe einen riesengrossen spind.
Sonntag, tag der ruhe. RUHE, ein wort, dass aus einem fernen sternensystem herrüber blinkt und das herbstlaub draussen sanft macht.
Gleich werde ich fortgehen. Das erste mal allein seit meiner inhaftierung. Ich freue mich darauf.
Abends, nach einem langen spaziergang un einem intermezzo mit einem hafenbewohner, der mir ausführlich aus seinem leben erzählte und einem kurzen blick in eine popkneipe zog ich die schräglage vor. Mich erwarteten noch einige kurze angstschauer wegen des grimmigen unteroffiziers vom dienst und meines joints, doch dann konnte ich noch ruhig lesen und schlafen.
Morgen ist montag, eine woche lang scheisse, dann vielleicht ein wochenende halbe scheisse und das zwei jahre. Adios amigos.
13.
Gestern abend war ich in der kirche zu einem kleinen abendkonzert. Ein klarer sopran teilte die ungemütliche, muffige kirche aus dem späten neunzehnten jahrhundert. Aus der schnittfläche strömten wärme, liebe und zufriedenheit. Sie besang mein gesicht, überlegte es mit einem honigschleier, bezwang meine augen, tief und drehend. War ich nicht ein teil dieser freiheit des soprans und versuchte ich diese musik gegen die kahlheit meines jetzt zu tauschen? Die begeisterung für die musik Hindemths gegen die ersten funktöne.
Ich soll ja als funker ausgebildet werden. Dabei darf ich nicht denken, mich verströmen lassen. Nein, ich muss vom gehör direkt in schrift umsetzen. Kurzschluss, ein ganzes genetisches kontrollsystem einfach kurzschalten, das versetzt einen direkt in schrecken, furcht vor der hektischen technikerwelt mit leichen als verschleissquote.
In meiner stube sind ..., nein, darüber möchte ich lieber nicht reden. Stube, ich habe keine stube. Mir fehlen teppiche, kerzen und der kamin. Ich höre nicht das knistern des behaglichen feuers und die leise in die teppiche sinkende musik. Ich befinde mich in einem bundeswehrbett in einer kaserne, gefüllt mit schlurfenden stiefeln, knallenden hacken und schrillem geschrei. Dazu autobrummen und tonbandgewisper. Doch zum klagen bin ich zu müde und zu wach. Ich bin schon alt genug, zu stark ich selbst um wesentlich geformt zu werden, nicht so die jüngeren, die sich wie weicher teig kneten und in gepresste formen füllen lassen, in denen sie sie zwei jahre erkalten um als geformt entlassen zu werden.
Fahneneid
Dem vaterland und dem leid
Vom gefallenen kameraden
In napalm verbrannt
Aufgegangen in walhalla
Himmel der kriegemacher
Verbunden sein
Und selber in den himmel blicken
Eintrittskarten aus nervengas
Und projektilen
Parasiten von puddingpulverfabrikanten.
Sie kaufen freudig
Geben ihr blut
der halbe liter fünfundzwanzig mark
Leben zwischen einigen millionen und keinem pfifferling
Geben sie freudig alles, aufschreiend, gröhlend..
Poor germany, where do you go to?
Where do I go?
My life was your life, but now my life is property of germany. I`m proud to say: ich bin ein belianä. Oder bin ich etwa schon kommunistisch unterwandert? MAD. Eti? Matrose hartmann, zu befehl. Denk an die sonne in herbstwald und du kannst bei der BW nicht untergehen. Romantiker an die front. Ein lächeln kann die welt verzaubern.
19.
Sechs tage bin ich nicht zum schreiben gekommen. Viel hat sich nicht ereignet, aber was konnte ich auch erwarten? Heute ist Montag, das erste wochende zuhause vorbei. Die nacht von Samstag auf Sonntag lag ich in meinem eigenen bett, wie „vorher“. Kein pfeifen, keine hetze, nur schlafen. Sonntagnachmittag habe ich Heidrun besucht. Wie ich glaube, hat sie sich gefreut, obwohl ich mich ihr gegenüber vor anderthalb jahren schäbig benommen habe. Die stunde mit ihr hat mir richtig gut getan, ein liebes mädchen. „Vorher“ hielt ich sie für eine dumme gans, aber jetzt würde ich wohl ganz gerne ..... Heuteabend werde ich ihr schreiben.
Gestern durfte ich 20 mark zahlen, 75km/h in der stadt. Mein letzter schein, bis zum dreissigsten. Wie ich dann zurück komme, weiss der teufel.
Der dienst läuft und läuft an mir vorbei, ich stehe unter einer dusche. Das wasser dringt bis zur haut, nicht tiefer. Ich hoffe, es bleibt so und „der herr, das heer, schenke mir kraft“.
Welch eine zeitverschwendung, nur auf die freizeit hin zuleben, schade um die zehn stunden am tag, die ich verschwende. Da könnte ich mich besser jemandem schenken, der sich auch darüber freut.
Es ist abend, ich bin müde. Ich habe Heidrun den brief geschrieben, leider fürchte ich, dass er misslungen ist. Nichts von dem, was ich für sie empfinde, habe ich geschrieben. Wie schnell das empfinden bei mir geht, mag wohl an der einsamkeit liegen, die ich gerade wegen der vielen leute hier besonders stark empfinde. Ihr bild taucht immer wieder vor mir auf. Einmal hab ich sie aus hochmut abblitzen lassen. Es lag wohl damals an ihrer freundin, die eine art hat, die mir nicht liegt und ich übertrug diese aversion automatisch auf sie, oder ihr einjähriger aufenthalt in amerika hat sie verändert. Hasch mag seinen teil dazu beigetragen haben.
Soldat, stiere in nacken, drehe dich wie ein tanzbär herum und pariere.
Soldat, denke daran, nichts zu denken. Du bist retter und saubermann.
Soldat, sei zäh und hart, gefühle nur im bett und beim beten.
Soldat, du bist ein zahnrad dessen kanten geschliffen werden mit ideologischem schmirgelsand.
Soldat, du bist der beschützer von weib und kind und krupps millionen, halt die klappe.
Soldat, wie alle menschen bist du sardist. Frue dich, an dir ist die ehre es auszukosten, wenn´s knallt
Soldat, wenn´s knallt.
20.
Eti ist bekifft.“Schön ist es“, wie matrose regulus und ich sagen würden Er war im kino und liegt jetzt sauber nach einer heissen dusche im frisch bezogenen bett. Mal wieder bin ich umgezogen und aahle ich mich in einer aufgestockten koje dem schlaf entgegen. Ich bin meilen entfernt von dem raum, in dem ich liege, irgendwo in der leichten welt der gedanken und träume. Hans guck in die luft im atomzeitalter. Träumer unter realisten. Silence is golden.
Ich spüre ein ungeheures verlangen nach körperlicher geborgenheit, wenn möglich am busen einer kosenden nymphe. Man serviere sie in einem fellbezogenen bett nebst einigen flaschen orangensaft und einem pool. La dolce vita.
21.
Gestern war ein tag voller müdigkeit, kopfschmerzen und absoluter lustlosigkeit. Das funkgepiepe brachte mich an den rand des wahnsinns. Die wende kam mit regulus und einem schönen pfeifchen. Gegen abend wurde ich richtig unternehmungslustig und fuhr nach glücksburg ins cc, dort guckte ich leute an und hörte musik. Die rückfahrt im auto war schön, ich fühlte mich, wie in alten zeiten. Noch habe ich keine post von heidrun bekommen,
Am kommenden wochenende werde ich „ausreissen“, entweder nach kiel oder dänemark. Ansonsten war heute ein mittelprächtiger tag, einer von denen, die so scheinewn, als wäre ich über den berg und würde es langsam lernen, mich hier einzuleben. Ist das aber unbedingt notwendig?
Ich denke über mein leben nach, frage mich, was ich eigentlich kann, ich bin kein handwerker, kein musiker, kein sonstnochwas, ich kann nur ein wenig ich selbst sein. Na ja, nach einer heissen dusche liege ich im bett, müde und schläfrig, mein hirn ist beinahe betäubt. Ich werde lange schlafen, denn morgen müssen wir erst um fünfuhrdreissig aufstehen anstatt um fünf.
25.
Wieder liegt ein wochenende hinter mir. Noch immer keine post. Ich besuchte Hans und Trolle (ältere verwandte der frau meines bruders heiko) in Rinkenis, in dänemark. Vorher hatte ich sie nie gesehen.. Mir zu ehren machten sie samstagabend eine fete, während der sich die anderen gäste als wesentlich durchhaltungsfähiger erwiesen wie ich. Sie waren alle zwischen fünfzig und achtzig. Dafür war ich der mundschenk und damenliebling des abends. Esther, eine nette mittfünfzigerin, war förmlich in mich verliebt. Ja, alle sind noch jung für ihre jahre. Sonntagnachmittag gabs dann kaffee und kuchen mit schlagsahne und fernsehen. Es war ganz gemütlich bei trolle, bestimmt fahre ich mal wieder hin. Am sonntagabend überkam mich dann die übliche depression in den flensburger diskotheken und den verregneten strassen. Flucht vor der wirklichkeit. Allerdings ist die wirklichkeit wirklich kein grund, nicht zu fliehen. „I’m a midnight rambler, I’m a fortune gambler, but it’s nice to be back home“ singen mir die stones im kasernenbett
26.
Der erste tag der neuen woche ist vorbei. Bis Freitag warten und ich komme wieder für eine oder zwei nächte raus. Schön wirds. Da fällt mir ein, dass heidrun immer noch nicht zurückgeschrieben hat. Sie sieht mich doch wohl anders, als ich mir einbildete. Schade, doch was soll’s. Den wunsch nach einer bindung fühle ich immer stärker, doch ich suche mehr, meine ansprüche sind gestiegen. Ich werde wohl langsam etwas erwachsener? In gewisser hinsicht bin ich jedoch wieder ein kleiner junge: Der schüler mit seinen ewigen gedanken und sorgen, ein kleiner, schüchtern pubertärer bubi, etwas grösser und männlicher vielleicht, aber nicht reifer oder überlegener. Ohne macht und stärke wären alle menschen kleine bubis, wäre diese welt viel harmloser. Alles kleine etibubis mit wehem herzen und flammender begeisterung. Nicht brennen und erfrieren, sondern wärmen und kühlen. Es lebe die liebe, nur sie kann uns über härte, technik, gewinnsucht, strebsamkeit und sterilität hinwegsetzen. Nicht fliehen, sondern überwinden und verdauen, ausscheiden lassen. Nicht kämpfen sondern überzeugen mit beispielen. Illusionen auf dem banner des etibubi. „Sleep well sweet prince, good night.“
27.
Ein verhältnismässig wacher tag, gestern lag ich schon um neun im bett. Zwei briefe flossen aus meiner geistreichen feder. Einer an Heidrun, mit der ich vorher telefoniert hatte und an inge, eine sommerliebe aus berlin, mit der ich wahnsinnig gern geschlafen habe. Sie wird überrascht sein, einen brief von mir zu bekommen. Mit heidrun habe ich mich für samstagabend verabredet, ich bin gespannt, wie es wird. Sie wird mich mild, nachlässig, verständnis vortäuschend und leicht unnahbar behandeln. Soll ich mich vor- oder hinterher ärgern? Am besten gar nicht.
Heute habe ich einen brief von ali bekommen und darin ein gedicht von ihm. Er kann seine gefühle ausdrücken und, noch wichtiger, er hat welche. Unbedingt muss ich ihm zurückschreiben, vielleicht wird er mal wirklich mein freund.
Ansonsten hatte ich heute gruppe vom dienst, das heisst den ganzen abend in der kaserne sitzen und auf feueralarm warten. Gleich werde ich noch etwas morsezeichen lernen und MANZONI lesen.
Gute nacht, glückliche kühe dieser welt, spendet eure milch dem fortschritt, ich trinke lieber tee mit shit. Doch vorher muss ich natürlich noch duschen, es ist der genuss der genüsse unter der heissen, unendlichen dusche zu stehen und an nichts zu denken, nur die wärme und das wasser auf sich einwirken zu lassen. Relax gratis bei der bundeswehr.
Freitag ist überübermorgen.
Mein spindposter:
Ein fischernetz
Es müsste geflickt werden
verschleiert kaum deinen festen körper
eine muschelkette
das pfand einer liebe
umrahmt deinen hals
was mögen deine hände berührt habe
sie sind kräftig
und möchten doch gern von einer jungen dame sein
du bist traurig und trotzt
unschuldig warst du schon als kind nicht mehr
du stehst vor dem meer
oder kommst daraus hervor
willst du wieder hinei?
Deine augen sehen an mir vorbei.
30.
Nachmittags.
Gestern war ich im kino, nach einer VW sitzung war ich so abgefahren, dass ich den inhalt überhaupt nicht scheckte.
Das morsen fängt mir erstaunlicherweise an, spass zu machen. Klar, ich bin in grosser ferienstimmung, das lange wochenende beginnt und in zwei stunden bin ich mit meinem käfer unterwegs bis Montag.
2.
November
Wie ich soeben nach komplizierten rechnungsvorgängen feststelle, bleiben mir für den ganzen monat genau hundert mark zum ausgeben.
Noch jetzt bin ich erfüllt von einer berauschenden nacht, in meinem kopf dauert sie weiter. Ein teil dieser nacht war heidrun.
Liebe, zärtlichkeit, mensch sein, heidrun ist teil des traumes, den ich mit ihr angefangen habe. Mein leben verlegt sich nach innen. Gute nacht, auch rita. An dich habe ich den ersten brief seit langem geschrieben. Ich weiss, du verstehst ihn. Meine wohl zehn jahre ältere intelektuelle ungarische freundin. Etiud kirrling, der bald um sich selbst trauern wird, weil er nicht wieder über rotes licht im kuhstall nachdenken darf.
Ich bin zugältester, beinahe habe ich schon unseren leutnant bei kaffee und kuchen erlebt. Ich bin, ich war, ich werde sein und zwar ich selbst.
5.
Gleich gehe ich ins kino, heuteabend ohne kiffe, aber dafür mit zahnschmerzen. Einen langen brief an heidrun habe ich geschrieben. Der tag war, wie alle in der letzten zeit, ohne aufregende oder neue erlebnisse. Allerdings: Wer hätte gedacht, dass ich ein so guter pistolenschütze bin, wie sich heute gezeigt hat? Der kleine django liebt und schiesst.
Der film war gut, ein geistreicher französischer krimi mit ausgezeichneten darstellern. Gerade war thomas in der stube. Er ist eine eigenartige mischung aus pedanterie, intelligenz und borniertheit und trotzdem syphatisch.
Gestern war ein flensburgabend, verregnet, einsam und deprimierend. Zwar ist der mensch ein gewohnheitstier und nach vier wochen habe ich mich schon an die kackumstände gewöhnt, trotzdem würde es mich nicht stören, hier in flensburg ein paar nette leute kennenzulernen. In meiner stube ist dieter einer der wenigen sensiblen und gefühlsvollen burschen hier. Mit ihm kann ich mich gut unterhalten. Ich muss ihn einfach hier erwähnen, damit er später nicht ganz aus meiner erinnerung verblasst. Ronde!
6.
I smoked my pipe, you’ve to listen.
Folklore, musik von traurigkeit, sehnsucht und erinnerungen. Illusionsmusik mit der stillen eindringlichkeit einer jungen nonne. Liebe, wehmut oder entsagung, ein bisschen protest, sanft getragen auf weichen Gitarrenteppichen. Vermittler einer eigenen welt der sanften stimmen. Der verstand lehnt sich gegen materialismus und nacktes leistungsstreben auf. Dieter singt, er träumt, er ist nicht hier, sondern allein mit seinen gefühlen. Die einsamkeit macht weich. Er bettet den herbst in goldene blätter. Er trägt die müdigkeit des winters als mantel gegen lärm. Danke für deine musik, dieter.
Ich liege, was sonst, träumend auf der lauer nach gedankenfäden, die ausgesponnen zu bunten tüchern werden können. Ich kämpfe gegen das vergessen des schlafes und möchte unterliegen. Kampf und sei er noch so schnell vorbei, zerreisst seelentücher und verwirkt sie zu putzlappen, futten für verdreckte nasen. Auf den aschenhaufen der verklumpten fegefeuer verlieren sie jegliche seelenfarben, werden zu lehm und zu asche aus träumen, die beim aufwachen zerfliegt.
Das aufwachen ist ein riss im schlaf, die wunde die der tag in die nacht reisst und erst in der nächsten nacht heilen kann.
Leichte schwere treibenden geistes, traumtänzer in hallenden korridoren, versinken in der ferne, wird der kreis des fliehens nicht geschlossen. Illusionen, erleuchtungen die von aussen entflammt innen verglühen oder verzehrend auflodern und das aussen verbrennen. Pfade, die von innen nach aussen und wieder nach innen führen, fluchtwege des kreises für den treibenden geist.
7.
Samstag in der kaserne, draussen klirrt die spaziergangsluft, drinnen ein schlaftag zur überbrückung gähnender schlaflosigkeit. Lahm, knochenlahm, gefühlsblind, zwischen tauben türen tastend, in stumpfen gängen suchend,
an die geschrammten wände körperlichkeit gepappt, in spinde tapeziert. Wunschträume nach licht und erfolg brüten in den köpfen der eingesperrten.
Ein brief
„Kannst du dich an den sturm erinnern, der den regen in unseren verrottenden westwallbunker trieb, an die kälte, die den sonnenbrand vom mittag unerträglich machte? An die suche nach einem bett, an die milch zu zweit wegen der toilette der bar? Siehst du noch die blühenden wiesen, den apfelbaum und den nebel in den bergen, der die abgründe unheimlich machte? Jagt dir die nacht unter der brücke in toulouse, zusammen mit einem bluthustenden penner auf zeitungspapier noch schauer ein? Läufst du noch durch die menschenwimmelnde stadt, müde und hungrig. Fühlst du den regen auf deiner haut, als du deinen schlafplatz an der Seine fluchtartig verlässt um in der ubahn nach einer toilette zu suchen? Sausen die autos noch an dir vorbei und starren die blicke noch auf deine hände, die den dolch zum brotschneiden gezückt haben. Sonnst du dich noch am mittelmeer und unterbrichst du nur deine faulheit am abend um kaffee trinken zu gehen? Machst du zum ersten mal in deinem leben liebe in einem fremden zelt, mit mir, um mir einen gefallen zu tun und findest erst wochen später in einem auto in einer regennacht deine erfüllung? Dann bist du im sommer mit mir zusammen geflohen, dörte.“
Halbdrei nachts, ich sitze in dem wachlokal und zwinge mich, noch eine stunde wach zu bleiben. Was hätte ich wohl sonst an diesem samstagabend getan, was werde ich nächste woche machen? Ich will es nicht wissen, ich werde es ja sehen. Hunger habe ich und scharf bin ich. Draussen schneit es ein wenig und der unteroffizier vom dienst schnarcht. Gleich stecke ich mir eine zigarette an und lese ein cowboybuch und morgen ist Sonntag. Amen.
9.
Jaja, gestern war tatsächlich Sonntag, ein langschläfriger, vielfauler, verfrorener Sonntag, in schneematsch und kiffe begraben, auferstanden gegen abend, fahrend in die koje zu suchen morpheus arme.
Montag schon fast zuende, ein tag weniger, die woche ist um einen tag ärmer geworden, Freitag kommt nach Donnerstag, davor ist übermorgen, Mittwoch, so kurz ist das leben der leeren woche. Das pralle wochenende zum nachdämmern in den nächsten vierzehn tagen.
12.
Donnerstag, der tag vor Freitag. Die ganze woche über stand ich voll in den realitäten des lebens, ohne zu fliehen.
Gestern sah ich in einer studioaufführung Arrabals „Der architekt und der kaiser von assyrien“ Ich war begeistert, wenn dieses wort für meine stimmung während der aufführung stehen kann.
Der kaiser, ein kulturverseuchter durchschnittsmensch, muttermörder mit homosexuellen und fetischistischen ambitionen, wird auf eine insel verschlagen. Dort trifft er den architekten, einen bauernschlauen naturburschen, der sich die tiere diensbar gemacht hat und gewalt über tag und nacht und die naturelemente besitzt. Der kaiser belädt ihn mit seinem kulturschrott.
Der architekt schwingt sich am ende dieses dauernden machtwechsels, der durch die absolute abhängigkeit der beiden voneinander stándig hervorgerufen wird, zum richter des illusionskaisers auf und führt auch selbst das urteil, das sich der angeklagte selbst gab, aus. Er erschlägt den kaiser und verspeist ihn. Bis dahin, das ende des st¨ckes bekam ich leider nicht mit, zapfenstreich um elf. Die simple inhaltsangabe erwähnt nicht die spitzen und feinheiten der dialoge, den ironisch sardistischen beigeschmack, der zum lachen reizend sentimental macht.
Ich gehe früh und gedankenlos schlafen, um kraft fürs wochenende zu sammeln. Nur noch ein pfeifchen, ich freue mich auf heidrun, vielleicht freut sie sich ja auch auf mich.
Das gedicht:
Der morgen.
Im herbst da reiht der feenwind
Da sich im schnee die
Mähnen treffen.
Amseln pfeifen heer
Im wind und fressen.
Der autor:
Alexander, 21, schizophren.
Interpretation:
Herbst und feenwind, der herbst mit seiner malerischen, phantasiereichen und doch so todesahnender welt bringt den feenwind hervor, den hauch eines traumes vom guten und milden. Aber der hauch reiht, reiht auf, schafft ordnung, pedantisch und genau. Im schnee treffen sich die mähnen, urwuchs in weisser kälte, gemeinschaft im frost des herbstes, der mit schnee auf den winter vorbereitet Amseln, kleine schwarze singvögel pfeifen schutzlos, tot und leer. Sie singen nicht mehr, sondern pfeifen einsam. Doch sie fressen , trotz des windes und der einsamkeit. Sie finden wärme und zusammenhalt in der ungemütlichen umgebung.
13.
Das war gestern. Heute ist, wie schon lange angekündigt, Freitag, der tag, mit dem die freiheit beginnt, in vier stunden darf ich das kasernentor hinter mir lassen. Schön wird’s!
16.
Montag. Nicht vergessen doch vorbei ist das wochenende. Freitagabend war der ali bei mir, er hat mir richtig gut getan. Wir fuhren in die marsch und sahen das nichts. Ein absolut schwarzer, scharf umrissener schatten, der bedacht war. Der mond war die öffnung eines unendlich tiefen brunnens, auf dessen grund wir sassen und uns überlegten, ob die seitenwände dieses brunnens, neben der öffnung, wohl bunt sein könnten. Der mond war die wolken eines imadinären himmels.
Samstag war ich mit heidrun auf einer fete, anschliessend waren wir auf meiner bude. Das war sehr, sehr schön. Sonntag, tag der rückfahrt mit kollegen im zug. Bahnfahrt im letzten waggon. Extra unseretwegen musste der zug halten. Wir hatten die abschlusstür geöffnet „Stoppt den scheisszug, räder rollen für den krieg!.“ Nacht!!
Der brunnen.
Du sitzt ganz unten
Am anderen ende des tiefsten brunnen
Oben ahnst du eine welt
Links und rechts des schachts
Ist sie bunt oder schwarz weiss.
Du kannst die wolken darüber sehen
Wie sie in ihrem treiben erstarrten
Doch dann ahnst du du bist in der welt
Neben dem brunnen
Über dir ist der mond als tor zum nichts.
Sterne weisen den weg.
Sie verlässt dich.
Dein zahnfleisch schmerzt und müde bist du noch vom rausch.
Deine gedanken sind fade.
Die ersten ameisen fahren zur arbeit
Knattern auf ihren mopeds
und in den zweiantennenautos warten sie auf den fröhlichen wecker.
Sie verlässt dich, dein bett ist zerwühlt, die luft im zimmer knüppeldick.
Und du hockst mittendrin, möchtest dich umdrehen und pennen.
Doch noch ist sie nicht weg.
Eigentlich war die nacht doch schön, ihr habt euch doch geliebt.
18.
Mittwoch, Buss- und Bettag.
Heute war einer der sch¨nsten tage in meiner kurzen zeit hier, ohne dass ich nachhause gefahren bin. Ulli und ich haben in Hamburg gefrühstückt, irgendwo an der elbe mittag und dann in husum zu abend gegessen. Zwischen diesen festessen in ruhe, mit gemütlichen und entspannenden momenten lag eine bummeltour durch hamburg, dann durch das alte land und an der schimmelreiterküste entlang bis husum.
Gestern war ich in der gruppe vom dienst, es war ein entsetlich verkrampfter tag. Ärger und dergleichen mehr, gottseidank liegt der gestrige tag schon beinahe in meiner hinterletzten hirnfalte vergessen.
Buss und Bettag, als tag der beschaulichkeit und unterhaltung kann ich ihn akzeptieren. Nach einem ausführlichen heissen duschbad steige ich in diesem firstclass hotel in mein doppelbett.
19.
Donnerstag, ein tag in einer woche, wahllos herausgegriffen, nicht überragend traurig, nicht eigentlich schön, einfach ein Donnerstag bei der bundeswehr. Etwass geschossen, etwas gefunkt, einen film gesehen, ein bisschen geredet, schuhe geputzt und ein wenig gelacht. Einige briefe geschrieben, schon mal ans wochenende gedacht.Und dann bin ich ins bett gegangen.
Die zeit läuft dahin, du merkst es kaum und später dann doch. Doch das stört keinen grossen geist, wie eti sagen würde und hier schreibt. Schlaf gut. Ach ja, Heidrun, grüsse dich, auch jetzt noch denke ich an dich. Nicht mehr so intensiv, wie man an träume denkt. Aber sicher. That’s the way, life goes.
20. Es war schön, erst hinter der kirche, dann bei der musik und jetzt im bett. Die musik spielt jetzt an der kirche und ich liege in der kirche im bett und fühle mich so gut. Easyrider in myself. Ohne sprechbarkeit und voller denkbarkeit. Voller gedanken bin ich, ohne sie in die ratio umzusetzen. Voller gräusche ohne herkunft, stimmen ohne sprecher, die gedanken aussprechen, die niemals gedacht wurden. Und dann die gefühle, die tief dringen und laufend aufgefrischt werden, wo gehen sie hin? Woher kommen sie? Ich weiss es nicht mehr, ich erkenne nur, dass ich meditiere ohne zusammenhängend zu denken. Ein wunder, dass nur innerhalb meiner haut platz hat. Ausserhalb ginge es unter.
Schalle streichen durch türritzen, schlurfend, rollend und streng, mir fehlt das summen der bienen und zirpen der zigallen.
21.
„Guten tag heidrun, nicht einmal in verbesserter form wirst du diesen brief erhalten, er wird nur ein eintrag im tagebuch bleiben. Du bist nicht besonders begeistert, wenn du von mir hörst, ich bin so’ne weiche, wabbelige geistige erscheinung, deswegen kannst du mich nicht ab, logisch. Ich will das nicht verschönern oder gar verbessern
Winter, weisst du was das heisst?
Schwarze wälder, dunkelbraune sümpfe, heiseres gekrächse und das dünn singende eis.
Weisser, weicher flockenwirbel, der auf das satte grün der wipfel glitzende spritzer sträuselt.
Und wärme deszusammenatmenden fleisches im vollgenuss gesättigter mägen und glückerwartende, strahlende kinderaugen.
Er ist nicht der tod, auch keine flachbrunst im eisernen käfig der knochen, die zu verfallen droht.
Winter ist wärme und kälte, klirren und kuscheln, prasseln und knistern und ist ende und anfang.
Nun, heidrun, ich habe das gefühl, der brief ist etwas entartet. Ende und anfang.!“
22.
Ein müder, nebliger und trüber Sonntag, ereignislos mit kalten füssen. Allerdings werde ich mich aufraffen, es gibt orgelmusik in der kirche.
Na ja, hatte mehr erwartet von der orgelmusik. Messien, der gute schöpfer dieses werkes